In der Regel bleiben von fossilen Haien und Rochen nur die Zähne erhalten, da ihre Skelette aus Knorpel bestehen und daher selten fossilisieren. Obwohl Myledaphus bipartitus aus zahlreichen Zahnfunden in Nordamerika bekannt war, blieb die genaue systematische Stellung über Jahrzehnte umstritten. Nun stand erstmals ein außergewöhnlich gut erhaltenes, fast vollständiges Skelett in Bauchansicht aus der Oberkreide – rund 80 bis 72 Millionen Jahre alt – für eine umfassende Untersuchung zur Verfügung. „Dieses Exemplar eröffnet uns einen Blick auf bislang verborgene Details von Kopf, Flossen und Zähnen – genau die Informationen, die uns für eine belastbare Einordnung lange gefehlt haben“, sagt Erstautorin Julia Türtscher.
Enge Verwandtschaft mit Gitarren- und Sägerochen
Das Team fotografierte das Fossil hochauflösend und setzte zusätzlich UV-Licht ein, um feine Strukturen sichtbar zu machen. Auf dieser Grundlage erhoben die Forschenden einen umfangreichen morphologischen Datensatz und testeten die Verwandtschaftsbeziehungen mit etablierten Verfahren der Stammbaumanalyse. „Die Analysen deuten konsistent auf eine enge Verwandtschaft mit den heutigen Gitarren- und Sägerochen hin“, erklärt Patrick L. Jambura. „Laut unserer Stammbaumanalyse ist Myledaphus bipartitus ein früher Vertreter der Ordnung Rhinopristiformes, zu der Gitarren- und Sägerochen gehören.“ Zugleich bestätigt der Fund die Interpretation, dass Myledaphus bipartitus in Süß- und Brackwasser-Lebensräumen vorkam. „Die Fähigkeit, stark schwankende Salzgehalte zu tolerieren – Euryhalinität – ist damit evolutionär noch früher belegt als bislang angenommen“, so Jambura.
Glücksfall für Rochen-Paläontologie
Die Bedeutung dieses Fundes reicht über die Neubewertung eines einzelnen Fossils hinaus. Der rund einen Meter lange Rochen aus der Dinosaur Park Formation ist ein Glücksfall in der Paläontologie der Rochen, da er ein seltenes, artikuliertes Skelett liefert. „Zähne können uns zwar viel verraten, aber erst vollständige Skelette liefern die entscheidenden anatomischen Merkmale, um die Evolution moderner Rochenlinien wirklich nachzuzeichnen“, betont Ko-Autor Jürgen Kriwet, Leiter der Arbeitsgruppe Evolutionary Morphology Research Group am Institut für Paläontologie der Uni Wien.
Der Fund fügt sich in ein größeres Bild ein: Die meisten Rochen leben heute im Meer, doch einige Arten, wie etwa Sägerochen und Gitarrenrochen, dringen regelmäßig in Flussmündungen und Süßgewässer vor. Es gibt sogar vollständig an Süßwasser angepasste Arten. Auch aus der Erdgeschichte sind wiederholte, unabhängige „Süßwasser-Eroberungen” bekannt, beispielsweise eozäne (ca. 50 Millionen Jahre alte) Süßwasser-Stachelrochen in Nordamerika. Myledaphus bipartitus zeigt, dass solche ökologischen Experimente bereits vor über 70 Millionen Jahren stattfanden. „Dass wir Myledaphus bipartitus so klar bei den Rhinopristiformes verorten können, legt nahe, dass Süßwassertoleranz innerhalb dieser Gruppe sehr früh entstanden ist – und insgesamt in verschiedenen Rochenlinien mehrfach unabhängig“, fasst Türtscher zusammen.
Gleichzeitig verstehen die Autor*innen ihr Ergebnis als Auftrag für die Zukunft, denn viele kreidezeitliche Rochenfossilien – etwa aus mehreren Lagerstätten im Libanon – sind bislang nur unzureichend beschrieben. „Mit jedem zusätzlichen, gut erhaltenen Skelett schärfen wir das Bild der frühen Diversifizierung moderner Rochenordnungen“, sagt Kriwet. „Es ist beeindruckend, wie viel evolutionsbiologische Geschichte in einem einzigen, außergewöhnlichen Exemplar stecken kann.“
- Die Studie wurde von der Universität Wien (Fakultät für Geowissenschaften, Geographie und Astronomie, Vienna Doctoral School of Ecology and Evolution) in Kooperation mit dem Royal Tyrrell Museum of Palaeontology (Kanada) durchgeführt und vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) gefördert. Die Originalpublikation ist im Journal of Systematic Palaeontology erschienen.
- Publikation: Türtscher, J., Jambura, P. L., & Kriwet, J. (2026). Skeletal morphology and phylogenetic relationships of the Late Cretaceous freshwater ray Myledaphus bipartitus (Chondrichthyes; Batomorphii). Journal of Systematic Palaeontology, 24(2). https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14772019.2026.2679622
Zusammenfassung
- Ein nahezu vollständiges Skelett eines 101 cm langen Rochen-Exemplars aus der rund 80 bis 72 Millionen Jahre alten Dinosaur Park Formation in Kanada wurde umfassend beschrieben.
- Die Kombination ursprünglicher und abgeleiteter Merkmale stützt die Einordnung von Myledaphus bipartitus in die Ordnung Rhinopristiformes (heutige Gitarren- und Sägerochen).
- Myledaphus bipartitus ist der älteste bekannte Vertreter dieser Ordnung, der Süßwasser tolerieren konnte – ein Hinweis auf frühe ökologische Vielfalt innerhalb der Gruppe.
- Vergleichende Stammbäume zeigen eine Nähe zu Rhinopristiformes, wobei die feineren Verwandtschaftsbeziehungen teils noch schwach abgesichert sind.
- Die Studie unterstreicht die Bedeutung seltener Skelettfunde (anstelle von Zähnen), um die Evolution moderner Rochen zu verstehen.
Wissenschaftlicher Kontakt
Dr. Julia Türtscher, BScMSc
E-Mail: tuertscher.julia@gmail
Univ.-Prof. Dipl.-Geol. Dr. Jürgen Kriwet
E-Mail: juergen.kriwet@univie.ac.at
Institut für Paläontologie, Universität Wien
https://palaeontologie.univie.ac.at/
https://www.evomorg.org
